Goldener Herbst im Glas: Meine perfekte Weinwanderung in Radebeul (und der Kampf mit der Treppe)

Adieu, Hochsommer. Hallo, goldener Herbst!
Ich weiß, manche trauern den 35 Grad hinterher, aber ich freue mich jedes Jahr auf den September. Die Luft ist wieder klarer, die Bäume an der Elbe färben sich langsam gelb und – das Wichtigste überhaupt – es ist Federweißer-Zeit!
Wenn im September die Weinlese im sächsischen Elbland losgeht, gibt es eigentlich nur einen logischen Ort, an dem man am Wochenende sein sollte: Radebeul.
Das „sächsische Nizza“ (ja, die nennen sich wirklich so) liegt ja direkt nebenan.

Ich habe mich am Sonntag in die Linie 4 gesetzt und eine kleine Weinwanderung gemacht. Hier ist meine Lieblingsroute, bei der ihr euch den Wein auch wirklich verdient.

Startschuss am Schloss Wackerbarth (und der erste Zwiebelkuchen)

Der Einstieg ist super easy. Mit der Straßenbahnlinie 4 fahrt ihr von Dresden aus direkt bis vor die Tür von Schloss Wackerbarth. Das ist das Staatsweingut. Wenn ihr barocke Architektur liebt, klappt euch hier der Kiefer runter. Das Schloss liegt malerisch direkt am Fuß der Weinberge. Man könnte sich jetzt einfach hier in den Garten setzen, aber wir wollen ja was tun für die Figur. Trotzdem: Die erste Station ist Pflicht. Hier am Eingang gibt es meistens schon den ersten Stand für Federweißer (für die Nicht-Sachsen: das ist der ganz junge, gärende Wein, der noch süß schmeckt und prickelt).

Achtung: Trinkt davon nicht zu viel vor dem Laufen. Das Zeug schmeckt wie Limo, knallt aber im Kopf (und im Magen!) ordentlich. Ein kleines Glas und dazu ein Stück ofenwarmer Zwiebelkuchen auf die Hand – der perfekte Startschuss.

Die Spitzhaustreppe: Der Endgegner des Elbtals

Vom Schloss aus laufe ich meistens immer am Hang entlang Richtung Osten, rüber nach Radebeul-Oberlößnitz. Da führt der sächsische Weinwanderweg lang. Die Aussicht wird mit jedem Meter besser.

Und dann steht man vor ihr: Der Spitzhaustreppe.

Leute, diese Treppe ist eine Legende und gleichzeitig mein persönlicher Endgegner.

Es sind genau 397 Stufen.

Ich sehe da oft so Super-Sportler, die da hochjoggen. Kein Scherz. Ich dagegen brauche meistens drei Pausen und tue so, als würde ich die Aussicht fotografieren, während ich in Wahrheit schnaufe wie ne alte Dampflok.

Aber wenn ihr oben am Bismarckturm (oder beim Spitzhaus) ankommt, ist der Schmerz vergessen. Versprochen.

Der Blick von da oben geht über ganz Radebeul, die Elbe und bei gutem Wetter sieht man die komplette Dresdner Stadtsilhouette mit dem Fernsehturm im Hintergrund. Das ist, ohne Übertreibung, einer der schönsten Ausblicke in ganz Sachsen.

Mein Geheimtipp: Die Straußwirtschaften

Oben auf dem Berg oder auf dem Weg nach unten Richtung Hoflößnitz solltet ihr auf kleine, selbstgemalte Schilder achten, wo ein Besen oder ein Zweig dranhängt.

Das sind die Straußwirtschaften.

Das ist mein absoluter Lieblings-Teil im Herbst. Private Winzer öffnen hier für ein paar Wochen ihre Höfe oder Gärten, stellen ein paar Bierzeltgarnituren in den Weinberg und schenken ihren eigenen Wein aus.

Warum das so toll ist: Es ist null kommerziell. Man sitzt unter alten Walnussbäumen direkt zwischen den Rebstöcken, der Winzer steht oft selbst am Ausschank und man bekommt für kleines Geld ein Glas Müller-Thurgau oder Goldriesling (eine absolute Radebeul-Spezialität!).

Das ist tausendmal charmanter als jedes Luxus-Restaurant.

Vormerken: Das Herbst- und Weinfest

Noch ein kleiner Event-Tipp, weil das jetzt bald ansteht:

Ende September findet immer das große Herbst- und Weinfest in Radebeul-Altkötzschenbroda statt.

Diesen historischen Dorfanger müsst ihr gesehen haben. Da reiht sich ein Fachwerkhaus ans nächste. Zum Weinfest gibt es da das Wandertheater-Festival. Da laufen Schauspieler und Musiker durch die Straßen, überall gibt es Weinbuden. Das ist rappelvoll, aber die Stimmung ist magisch, wenn abends überall die Fackeln brennen. Wenn ihr nur ein Weinfest dieses Jahr besucht: Nehmt das!

Radebeul im September ist Pflicht.
Zieht euch bequeme Schuhe an (wegen der Treppe, ihr wisst bescheid!) und plant unbedingt die Rückfahrt mit der Bahn ein. Nach drei Stationen beim Winzer wollt ihr nicht mehr Auto fahren.

Wie steht ihr zu Federweißer? Seid ihr Fans von dem prickelnden Zeug oder greift ihr lieber gleich zum „richtigen“ Grauburgunder?

Ich mach mir jetzt erstmal ne Flasche Radebeuler auf, zur Belohnung für den Muskelkater.

Prost!